Eine erfolgreiche City-Entwicklung profitiert von den Kenntnissen und Anregungen der Beteiligten aus Stadtgesellschaft, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Kultur. Hierfür werden verschiedene Formate vom City-Management entwickelt und gemeinsam mit Stakeholdern umgesetzt.
Unterstützt vom Verkehrsverein Bielefeld e. V. lud das City.Team Bielefeld am 3. Mai 2022 zur City.Conference ein. Unter dem Titel "Bielefeld macht sich stark für die Innenstadt“ tauschten sich knapp 230 Akteurinnen und Akteure aus Stadtgesellschaft, Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Kultur unter der Moderation von Tobias Häusler über Planungen und Perspektiven für die Bielefelder Innenstadt aus.
Die Fakten ...
... 230 Beteiligte
... 11 Speaker
... 150 generierte Ideen und Anregungen, die als Impulse in den Prozess einfließen
1 Ziel: Aktivierung zur Mitgestaltung des Innenstadtprozesses.
Pit Clausen, Oberbürgermeister der Stadt Bielefeld und Schirmherr der Veranstaltung
In seiner Begrüßung betonte Bielefeld OB Pit Clausen, dass die Innenstadt für jede Stadt ein wichtiges Thema ist. Durch die Corona-Pandemie sei das Online-Shopping geradezu „geboostert“ worden, was enorme Auswirkungen auf den lokalen Einzelhandel, aber auch auf Angebote wie Gastronomie und Kultur habe. Von dieser Problematik seien aktuell alle Städte betroffen, doch darin liegt nach Einschätzung Clausens auch eine Chance, da man von anderen Städten lernen könne. Der OB betonte, dass die Städte zur Bewältigung dieses Themas finanzielle Unterstützung von Bund und Land benötigen. Er machte deutlich, dass Bielefeld sich schon seit geraumer Zeit mit dem Thema Innenstadt befasst.
Mit der Umgestaltung des Jahnplatzes, der Wissenswerkstatt, der Aufwertung der Wilhelmstraße und der Belebung des Kesselbrinks seien hier bereits Veränderungen angestoßen worden. Auch machte er klar: „Bei solchen Prozessen sind Interessenskonflikte und Meinungsverschiedenheiten unausweichlich – wir werden uns dabei auch streiten. Was wir jetzt brauchen, sind viel Tatkraft und Optimismus! Bringen Sie sich aktiv ein – ein hinterher nur 'meckern' reicht nicht.“
Dr. Peter Markert, geschäftsführender Gesellschafter der imakomm AKADEMIE, Aalen
Für die Studie „Zukunftsfeste Innenstädte“ hat imakomm im Jahr 2021 bundesweit fast 750 Innenstädte untersucht. Eingangs machte Dr. Peter Markert deutlich: „Unsere Innenstädte sind Wandel gewohnt. Sie kennen und können Krise.“ Bereits vor der Corona-Pandemie haben die Innenstädte nach seinen Worten mit dem demografischen Wandel und der Zunahme des Online-Handels vor Herausforderungen gestanden. Er prognostizierte, dass nach dem Ende der Corona-Pandemie der Einzelhandel in den Innenstädten um 13 bis 14 Prozent und die Gastronomie um 6 bis 7 Prozent zurückgegangen sein wird. Dadurch werde die Handelslage vermutlich um 10 bis 12 Prozent schrumpfen. Dadurch wird in den Innenstädten eine Leerstandsquote von 14 bis 15 Prozent entstehen. Als Konsequenz müssen die Innenstädte weg von der Verkaufslogik; ihre Hauptaufgabe muss es künftig sein, andere Nutzungen und Besuchsgründe zu entwickeln. Dazu gehören Aufenthaltsbereiche und Spielmöglichkeiten, Wohnraum, Frei- und Grünflächen. Auf die Städte kommen dadurch auch Investitionen in nicht renditeträchtige Flächen zu.
Als Orientierungshilfe bei der Innenstadtentwicklung hat imakomm das A-B-B-A-Modell entwickelt:
Agilere Strukturen (Bürgerinnen und Bürgern kommt als Mitgestaltern der Innenstadt eine größere Bedeutung zu als bisher.)
Belebungspotenziale als Ansatz
Besonderheiten auf-/ausbauen (nicht bei anderen Städten abkupfern, sondern auf die eigenen Wurzeln besinnen und sie in der Stadt erlebbar machen)
Ausbau als resilienter Stadtraum
Den Bielefelder Akteuren gab Markert folgende Empfehlungen mit auf den Weg:
eine Gesamtstrategie entwickeln, die nicht starr, sondern flexibel sein muss
ganzheitlich denken
gezielte und angepasste Beteiligung der Bürgerinnen und Bürgern
Logik definieren
Mut zu Fehlern haben
Steffen Schoch und Irina Guzina, Geschäftsführer und City-Managerin von Heilbronn Marketing
In Heilbronn, sechstgrößte Stadt in Baden-Württemberg, hat die Bundesgartenschau 2019 den Hauptimpuls für die Innenstadtentwicklung gegeben. Heilbronn Marketing versteht nach Schochs Worten Stadtmarketing als ganzheitliches, gesamtstädtisches Konzept, das die unterschiedlichen Akteure aus Tourismus, Wirtschaft, Einzelhandel, Kultur, Wissenschaft, Freizeit, Sport und Verwaltung vernetzt, um die Attraktivität von Heilbronn zu erhöhen und Besucher und Kunden zu gewinnen.
Zur Innenstadtentwicklung wurde eine Stadtkonzeption erarbeitet, die den strategischen Rahmen für den Masterplan Innenstadt, die Kulturkonzeption und das Projekt „Digitale Stadt Heilbronn 2030“ bildet. Im Rahmen des Masterplans sind bislang 720 Einzelmaßnahmen u.a. aus den Bereichen Zusammenleben, Bildung und Digitalisierung, Natur, Städtebau, Handel und Erlebniskultur umgesetzt worden. „Der Masterplan war von Anfang an Chefsache. Der Heilbronner Oberbürgermeister hat sich an die Spitze dieser Bewegung gestellt“, betonte Schoch. Als City-Managerin versteht sich Irina Guzina als „Kümmerin“ für eine attraktive Innenstadt. Sie vernetzt die vielfältigen Interessen der Akteure und steht im regelmäßigen Austausch u. a. mit Einzelhandel und Gastronomie, Polizei und Ordnungsamt, Baudezernat und Wirtschaftsförderung, Kultur- und Bildungseinrichtungen. Abschließend stellten die Referenten einige Projekte und Veranstaltungen vor, durch die die Attraktivität der Heilbronner Innenstadt deutlich gesteigert werden konnte.
Jana Gerdes, Charlotte Höpker, Julia Lehmann und Johanne Struck, City.Team Bielefeld
Im City.Team arbeiten vier Vertreterinnen von drei Institutionen zusammen (Bielefeld Marketing, WEGE, Bauamt der Stadt Bielefeld). Das im Juli 2021 an den Start gegangene Team hat bereits Fördermittel aus dem Sofortprogramm Innenstadt des Landes NRW in Höhe von insgesamt 150.000 Euro erhalten. Weiter knapp 1,4 Millionen Euro aus dem Bundesprogramm „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ sind beantragt. In ihrem Vortrag berichteten die Akteurinnen von bereits umgesetzten und in Planung stehenden Maßnahmen, die auf die Attraktivität der Bielefelder Innenstadt einzahlen:
Zum Start seiner Arbeit hat das City.Team eine Auftaktkampagne initiiert, um in Bielefeld auf den neuen City-Management-Prozess aufmerksam zu machen und die Innenstadt in Szene zu setzen. Darauf folgte eine weitere Kampage in Kooperation im mobiel und dessen Park+Ride-Angebot, um auch im Umland die Bielefelder Innenstadt zu platzieren. Ein weiteres Projekt ist der Bielefeld-Gutschein, ein lokaler Stadtgutschein, der als vollwertiges Zahlungsmittel im Handel, in der Gastronomie und bei Dienstleistungen eingesetzt werden kann. Es gibt ihn als klassischen Geschenkgutschein und für Arbeitgeber als Gutschein für den steuerfreien Sachbezug. Für den Herbst ist eine Fan-Aktion für die Bielefelder Innenstadt geplant: Vereine, Privatpersonen und Institutionen werden dann aufgerufen, ihre Ideen für die Bielefelder Innenstadt einzureichen. Die besten Ideen sollen umgesetzt werden.
Die Leerstandsquote in der Bielefelder Innenstadt ist im Vergleich zu anderen Städten sehr gering. Für den Fall, dass es zu Leerständen in der 1A-Lage kommen sollte, sind bereits innovative Konzepte für Pop-up-Stores entwickelt worden, mit denen kurzfristig reagiert werden kann. Eingerichtet wurde zudem ein neues Bielefelder Standortportal: Die Online-Plattform dient auch als Leerstandsmanagement für die Innenstadt.
In einem Reallabor am Süsterplatz wird mittels modernster Technik die Frequenz im öffentlichen Raum gemessen. In der zweiten Jahreshälfte soll diese digitale Technik in der gesamten Innenstadt installiert werden, um mit Hilfe der Daten den Prozess in der Innenstadt weiter zu optimieren.
Dr. Julian Petrin, urbanista, Hamburg
Das City.Team Bielefeld hat für die Entwicklung einer Innenstadtstrategie das bundesweit tätige Stadtentwicklungsbüro urbanista (Hamburg) beauftragt.
In der Bielefelder Innenstadt gibt es nach Einschätzung von Dr. Julian Petrin, Geschäftsführer von urbanista, schon viele positive Entwicklungen, auf die aufgebaut werden können. "Die Innenstadt ist schon mitten im Wandel“, sagte er. Petrin nannte den Jahnplatz-Umbau als zentralen Impuls, die WissensWerkStadt, den neuen Harms Markt als Erlebnisort, den Kesselbrink, den Verkehrsversuch in der Altstadt und die Gründung des City.Teams. "Es braucht eine solche Organisationseinheit, die sich um den Wandel kümmert und das Wissen aus den unterschiedlichen Bereichen der Stadt integriert“, so Petrin. Eine gesunde Innenstadt, so führte er aus, steht auf (mindestens) fünf Säulen: Sie ist ein Ort des Handels und der Versorgung, der Arbeit, des Wohnens, der Bildung, Teilhabe und Repräsentation sowie der Kultur und Gemeinschaft. In Bielefeld seien diese Säulen nicht im Gleichgewicht, was es zu optimieren gilt.
Zur Unterstützung der Strategieentwicklung setzt urbanista auf Partizipation. "Bis Ende 2022 wollen wir eine Strategie für die Bielefelder Innenstadt vorlegen, die ein positives, mutiges Zukunftsbild zeichnet, und einen Prozessfahrplan für die nächsten drei Jahre vorschlagen“, kündigte Petrin an.
Ursula Pasch: In der Bielefelder Innenstadt gibt es bereits viele Plätze, die Potenzial und eine Identität haben, die man weiterentwickeln und stärken kann. Wünschenswert wäre ein städtebaulicher, freiraumplanerischer Wettbewerb, der die Vernetzung der einzelnen Plätze betrachtet und mit einem Gesamtkonzept belegt.
Martin Knabenreich: Bielefelds Konkurrenz ist nicht Münster, sondern Amazon und Netflix – es geht also um die Frage, ob die Menschen zu Hause konsumieren oder dafür in die Innenstadt gehen. Die Bielefelder Innenstadt hat viel zu bieten, ist aber kein Selbstläufer. Man muss daran arbeiten, die Plätze aktiv zu bespielen, z.B. mit Kulturfesten. Dringend bewahrt werden müssen die positiven Eigenschaften der Bielefelder: ihre große Identität mit der Stadt und das hohe soziale Engagement.
Steffen Schoch: Bei der Entwicklung der Innenstädte ist es unabdingbar, auch die Menschen einzubinden, die morgen unsere Innenstädte ausmachen. Neben den jungen Menschen müssen auch Menschen aus anderen Kulturen mit ins Boot genommen werden.
2. Verkehr
Dr. Julian Petrin: Die Grundidee vieler Städte, den Autoverkehr aus der Kernzone herauszuhalten, ist richtig. Bei Innenstädten, die vom Einzugsbereich im ländlichen Raum leben, besteht aber häufig das Problem des nicht optimalen öffentlichen Personennahverkehrs. Hierfür braucht es Verkehrskonzepte z. B. mit Umsteigepunkten, an denen man die Autos in Außenbereichen der Stadt stehen lassen kann. Lösungen braucht es auch für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, und für Warenanlieferungen.
Ursula Pasch: An den Verkehrsversuch in der Bielefelder Altstadt lässt sich anknüpfen. Durch die Straßensperrungen, durch die Außengastronomie und Spielmöglichkeiten geschaffen wurden, hat sich die Aufenthaltsqualität vor allem in den Sommermonaten erhöht.
Dr. Peter Markert: Starke Veränderungen im Verkehrsbereich brauchen ein bis zwei Jahre Zeit, bis sie angenommen werden. Man muss also auch über die Zeit nach der Umsetzung nachdenken.
Martin Knabenreich: 30 Prozent des Umsatzes in der Bielefelder Innenstadt kommt aus dem Umland. Tagesgäste bringen jährlich 690 Millionen Euro Umsatz nach Bielefeld, das ist für die Stadt Bielefeld ein direktes Steueraufkommen von fast 60 Millionen Euro. Damit dies so bleibt, müssen kluge Verkehrskonzepte gefunden werden. Wichtiger als die Frage, wie ich in die Stadt komme, ist aber die Frage, was ich in der Stadt überhaupt will. Wenn das Ziel attraktiv ist, findet man auch eine Möglichkeit, in die Stadt zu kommen – Beispiel: Leinewebermarkt mit 300.000 Besuchern. Wer ohnehin nicht in die Stadt will, braucht auch keinen Parkplatz.
3. Internet
Steffen Schoch: Das Internet bietet kein persönliches Erlebnis, aber dennoch muss jede Innenstadt digital abgebildet sein. Auch wenn das Hauptanliegen ist, die Innenstädte erlebbar zu machen, müssen die Händler ihre Lieferfähigkeit durch digitale Angebote sicherstellen.
Dr. Julian Petrin: Auch wenn es dem stationären Handel Marktanteile wegnimmt, ist das Internet ein Partner desselben. Gerade bei inhabergeführten Geschäften gibt es oft ganz andere Probleme: Es fehlt ein Nachfolger, die Mieten sind zu hoch etc. Große Handelsketten sind dagegen wegen ihrer schlechten Servicequalität bedroht. Chancen haben neue Konzepte wie z. B. begehbare Online-Shops.